Warum Jungvögel mit unverdautem Fettfutter im Magen gefunden werden

Ein in der Diskussion um Fettfutter immer wieder hervorgebrachtes Argument ist, dass unverdaute Körner (z.B. Erdnussbruch, Sonnenblumenkerne) in den Mägen von aufgeschnittenen Jungvögeln gefunden werden, die angeblich genau daran gestorben seien.

Wir klären, ob Jungvögel Fettfutter verdauen können, wie es dazu kommt, dass unverdautes Futter in den toten Küken gefunden wird und wie wir dafür sorgen, dass keine Jungvögel am falschen bzw. am fehlenden Futter verenden.

Können Jungvögel Fettfutter verdauen?

Zuerst ist es wichtig zu wissen, ob ein Jungvogel überhaupt in der Lage ist, Fettfutter zu verdauen. Dazu Prof. Dr. Martin Kraft, langjähriger Ornithologe und Privatdozent für Ornithologie an der Philipps-Universität in Marburg:

„Bei meinen gesamten Forschungen über die Auswirkung ganzjährig verabreichten Futters konnte ich keinen negativen Einfluss oder gar Verdauungsprobleme bei den Jungvögeln feststellen.“

– Prof. Dr. Martin Kraft (1)

Offensichtlich sind Jungvögel also durchaus in der Lage dieses Futter zu verdauen.

Können Jungvögel ungeeignetes Futter ausspucken?

Als nächstes wäre es wichtig zu erfahren, ob es den Jungvögeln möglich ist, Körner wieder auszuspucken, wenn diese eventuell zu groß oder generell ungeeignet für den Jungvogel sind.

Passt ihnen [den Jungvögeln] etwas nicht – wie etwa ein ungeschälter Sonnenblumen- oder ein Kirschkern, wird er auch von einer jungen Meise vehement ausgeschleudert, oft so heftig, dass einem der Auswurf bisweilen an der Brille klebt.

– Prof. Dr. Peter Berthold (2)

Ein Jungvogel ist also auch in der Lage ungeeignetes Futter oder zu große Kerne wieder loszuwerden. Das Spucken ist dabei ein Überlebens-wichtiger Reflex, der direkt vorhanden ist. Auch menschliche Säuglinge haben unmittelbar direkt nach der Geburt diese Überlebens-wichtigen Reflexe wie Husten, Niesen und Schreien um Fremdkörper loszuwerden (3).

Warum wird dann unverdautes Futter in den Mägen gefunden?

Hierbei spielt die generelle Nahrungssituation eine Hauptrolle.
In Zeiten des massiven Insektensterbens, bei dem teilweise bis zu 80% der Insekten fehlen (4), oder aus anderen Gründen das Nahrungsangebot hinter dem Bedarf des Jungvogels zurückbleibt, z.B. durch Krankheit, Schwächung oder Tod eines oder beider Elternteile oder bei einem Kälteeinbruch (Insekten ziehen sich zurück), wird der Jungvogel nicht mehr ausreichend mit Proteinen versorgt.
Bleibt diese Protein-Unterversorgung über einen längeren Zeitraum bestehen, kommt der Jungvogel irgendwann in einen Zustand, in dem energieintensive Körperfunktionen, z.B. Verdauungsprozesse, heruntergefahren werden.

Dazu Prof. Dr. Peter Berthold:

War die Brutperiode hingegen kühl und insektenarm, fiel ein Teil der Nestjungen als sogenannte Nesthäkchen kontinuierlich zurück, starb schließlich ab, und nur ein Teil der Jungen (manchmal ganz wenige oder auch gar keine) wurde flügge. Nesthäkchen sterben nicht rasch, sondern allmählich, und oft zieht sich ihr Absterben über etliche Tage hin. Dabei werden sie blutarm-bleich, kühlen aus, werden träge, und vor allem auch ihre Verdauung erlischt allmählich. Versucht man derartig geschwächte Nestlinge von Hand durchzupäppeln, gelingt das ab einem bestimmten Stadium selbst mit bestem Futter im Wärmeschrank nicht mehr – die Hungerschäden sind irreversibel.

In der Natur versuchen Vogeleltern, bei ausreichendem Nahrungsangebot auch absterbende Nesthäkchen etwas in den Rachen zu stopfen, solange sie noch den Schnabel aufsperren, was sie selbst bis kurz vor dem Tod reflexartig häufig tun. Im Endstadium können solche halbtoten Jungvögel aber oft nichts mehr schlucken – kein Korn, kein Räupchen, keine Fliege. Deshalb findet man manchmal tote Nesthäkchen buchstäblich mit dem „letzten Bissen“ im Halse – aber sie sind nicht daran gestorben.

– Prof. Dr. Peter Berthold (2)

Noch bevor man den Sterbeprozess als solchen erkennen kann, ist dieser also bereits mit einer Einstellung aller Verdauungsprozesse verbunden. Jedes Futter, was man dem bereits im Streben liegenden Jungvogel in den Rachen steckt (ob durch die Elternvögel oder durch die Hand eines Menschen), bleibt also unverdaut im Magen. Ein Ausspucken ist auch dann nicht mehr möglich, wenn die Schwächung des Jungvogels bereits weit fortgeschritten ist.

Hierzu nochmal Prof. Dr. Peter Berthold im Video-Interview mit BEESTEEZ (ab Minute 27:16):

Warum sterben manchmal nur einzelne Jungvögel?

Wenn die natürliche Nahrung in Form von Insekten fehlt, sollte man doch annehmen, dass dann die gesamte Brut stirbt und nicht nur ein Jungvogel oder wenige, oder?
Nun, manchmal reicht die Nahrung nicht für die komplett Brut. Die wenigen Insekten, die dann noch gebracht werden, werden vor allem den stärksten und größten Jungvögeln gefüttert, damit wenigstens ein Teil der Brut überlebt. Die kleineren Jungvögel bleiben zurück und verenden meist – je nachdem wie viele Insekten eben noch zur Verfügung stehen.

Also kann man Jungvögeln Fettfutter anbieten?

Das Fettfutter an Futterstationen wird fast ausschließlich von den Elternvögeln genutzt. Elternvögel werden nach Möglichkeit immer instinktiv Lebendfutter für ihre Brut beschaffen und das Fettfutter selbst fressen. Nur aus den bereits genannten Gründen (Insektenmangel, Kälteeinbruch, Krankheit/Schwächung/Tod eines der Elternteile) werden Elternvögel das Futter von den Futterstationen für die Brut besorgen. Dazu Prof. Dr. Peter Berthold:

Werden gesunde Jungvögel von ihren Eltern zwischendurch mit Futter von der Futterstelle versorgt, das ihnen nicht behagt, schleudern sie es alsbald wieder aus. Oft aber hilft ihnen derartiges Futter in unserer an Insekten immer ärmer werdenden Zeit, Engpässe in der Nahrungsbeschaffung durch ihre Eltern zu überleben.

– Prof. Dr. Peter Berthold (2)

Fettfutter wird also nicht den Jungvögeln, sondern den Elternvögeln, angeboten. Die Elternvögel wissen instinktiv, dass dieses nur in Notzeiten (Nahrungsmangel) als kurzfristige Überbrückung an die Jungvögel weitergegeben wird. Jungvögeln in der Pflege/Handaufzucht wird natürlich kein Fettfutter angeboten! Warum erklären wir im nächsten Teil.

Ist Fettfutter geeignet für Jungvögel?

Fettfutter an sich ist für einen Jungvögel zwar nicht tödlich, aber auch nicht geeignet, weil es das notwendige Protein für das Wachstum nicht enthält und keine Feuchtigkeit beinhaltet. Das Futter führt also über einen längeren Zeitraum nicht nur zu einer Entwicklungsverzögerung, sondern auch zur Dehydration – beides ist über einen längeren Zeitraum tödlich.
Wie Prof. Dr. Peter Berthold beschreibt, dient es lediglich dazu eine Nahrungsmangel kurzfristig zu überbrücken. Bleibt das natürliche proteinreiche Insektenfutter längere Zeit aus, wird die Brut (bzw. Teile davon) unweigerlich verenden.

Warum überhaupt Fettfutter?

Die Elternvögel nutzen das Fettfutter während der kräftezehrenden Brutzeit fast ausschließlich für sich selbst um für die notwendige Flugenergie zu sorgen. Geht man nun davon aus, dass diese Energie nicht mehr vom Futter kommt, müssen die Elternvögel sich diese Energie durch andere vorhanden Quellen beschaffen. Dies werden in erster Linie Insekten sein, die sie aber für ihre Brut sammeln sollten. Die Brut wird dadurch also weniger Insekten bekommen, als wenn den Elternvögeln Energie in Form Fettfutter zugänglich gemacht wird. Dadurch sinkt die Überlebensrate der Brut. In Zeiten des Insektensterbens, in denen es schon zu wenig Insekten gibt, ist es also nicht ratsam den Energielieferanten Nr. 1 zu verbannen. Je mehr Energie die Elternvögel durch Fettfutter aufnehmen können, desto mehr Insekten bleiben für die Jungvögel.

Dies und weitere Argumente für die ganzjährige Fütterung mit Fettfutter findest du in diesem Artikel:

Welches Ersatzfutter ist für die Brut am besten geeignet?

Was können wir füttern, um nicht nur die Elternvögel mit energiespenden Fettfutter bei der Jungvogelaufzucht zu unterstützen, sondern auch die Jungvögel direkt mit Futter zu unterstützen?

Ganz klar, lebende Insekten!

Also das, was die Eltern gezielt auch zu Zeiten eines großen natürlichen Nahrungsangebotes in der Natur für ihre Brut suchen und an sie verfüttern – aber leider währenden insektenarmen Zeiten oft zu wenig finden. Hierfür eignen sich z.B. lebende Mehlwürmer aus der Zoofachhandlung bestens. Wer zu Hause die Möglichkeit besitzt, kann sogar Mehlwürmer selbst mit einfachen Mitteln züchten. Starter-Kits und Anleitungen finden sich unzählige im Internet (5) und auf YouTube (6).

Alternativ können auch getrocknete Mehlwürmer angeboten werden, die aber vorher unbedingt mit etwas Wasser eingeweicht werden müssen, damit die Jungvögel ausreichend Feuchtigkeit bekommen. Hierbei sollte man aber darauf achten, dass gerade so wenig Wasser genutzt wird, dass sich die Mehlwürmer gerade so vollsaugen und so wenig Wasser wie möglich übrig bleibt. Grund dafür ist, dass sich im Mehlwurm wasserlösliche Vitamine befinden (z.B. Vitamin B), die im Wasser gelöst werden und ins Wasser übergehen.

Aufgeblähter Bauch bei (toten) Jungvögeln

Nicht selten wird von aufgeblähten Bäuchen bei Jungvögel berichtet.
Hierbei ist es wichtig zu wissen, dass normale und gesunde Jungvögel bereits kurz nach dem Schlüpfen einen solchen aufgebläht-wirkenden Bauch besitzen:

Dies ist also kein Zeichen für Verdauungsprobleme, sondern ganz normal.

Bei sehr abnormalen Schwellungen kann dies aber auf das sogenannte „Hungerödem“ (u.a. als „Hungerbauch“ bekannt) hindeuten. Dabei treten Schwellungen in Folge einer Unterversorgung mit Proteinen auf – das Ausbleiben an gefütterten Insekten, führt auch bei Jungvögeln zu einem Proteinmangel. Der ein oder andere kennt dieses Phänomen von hungernden Kindern aus den ärmsten Teilen der Welt, die mit aufgeblähten Bäuchen auffallen – nicht weil sie die Nahrung nicht vertragen, sondern weil proteinreiche Nahrung fehlt (8).

Langfristig für mehr Insekten sorgen – Lebensräume schaffen!

Die Fütterung durch uns Menschen ist immer nur ein Ersatz zum fehlenden natürlichen Nahrungsangebot. Das eine Ersatzernährung niemals die natürlichen Nahrung ersetzen kann, steht außer Frage. Daher sollte es natürlich oberste Priorität haben, das Nahrungsangebot an Insekten dadurch wieder herzustellen, dass wir Lebensräume für Insekten schaffen . Dazu dienen u.a. das Anlegen von Wildblumenwiesen, das nicht Mähen von Wiesen, das Pflanzen von heimischen Bäumen und Sträuchern, auf den Einsatz von Pestiziden zu verzichten, Wasserstellen anlegen, Laub-, Kompost und Geäst-Haufen liegen zu lassen oder anzulegen… ein „wilder“ Garten ist ein tierfreundlicher Garten! Auch dafür gibt es Anleitungen im Netz.

Fazit

Ein Jungvogel mit unverdautem Fettfutter im Magen starb nicht durch das Futter, sondern trotz des Futters – oft aus Mangel an natürlicher und proteinreicher Ernährung.
Meist sterben Jungvögel also aus Mangel an Insekten. Daher bleibt das Fettfutter weiterhin wichtiger Energielieferant für die Elternvögel und nach Möglichkeit auch lebende Insekten wie Mehlwürmer, um die Brut direkt zu unterstützen. Je nach Möglichkeit sollte das Anlegen eines insektenfreundlichen Gartens natürlich oberste Priorität haben, damit es gar nicht erst zu einer Mangelversorgung kommt!

Quellen:
1 – Verdauung – Ist Fettfutter gefährlich für Jungvögel? (Vivara)
2 – Buch „Vögel füttern, aber richtig!“ von Prof. Dr. Peter Berthold – 5. Auflage (2021), Seite 90/91
3 – Reflexe eines Neugeborenen (baby.at)
4 – Untersuchungen zur Siedlungsdichte und Territorialbiologie freilebender Vögel bei zusätzlich verabreichtem Futter (Prof. Dr. Martin Kraft, Universität Marburg)
5 – Mehlwurm Farm, Komplettset (Ofera.at)
6 – Mehlwurmzucht Anfänger – Alles was du wissen musst um SOFORT zu starten! (YouTube: WurmGeflüster)
7 – Insektenhotel, Biosaatgut und Co. – wie sieht ein insektenfreundlicher Garten aus? I Ökochecker SWR (YouTube: SWR Marktcheck)
8 – Hungerödem (DocCheck)