Prof. Dr. Peter Berthold: Das Schauermärchen vom „Totfüttern“ von Jungvögeln

von Prof. Dr. Peter Berthold

Alle Jahre wieder erreichen uns Anfragen oder Mitteilungen von teils besorgten, teils erbosten Vogelfütterern oder Fütterungsgegnern, sie hätten „Beweise“ dafür, dass Vogeleltern ihre Jungen zu Tode gefüttert hätten – und zwar mit dem „falschen“ Futter von der Futterstelle. Die „Beweise“: meistens tote junge Meisen im Nest, und im Rachen – ein Sonnenblumenkern – also ganz klar erstickt.

In Wirklichkeit: kein Beweis, sondern ein Trugschluss aus Unwissenheit und damit dummes Geschwätz. Hier der wahre Sachverhalt.

Wer normale vitale Jungvögel von Hand aufzieht weiß: Sie haben einen so weiten, dehnbaren Schlund, dass man nicht nur dicke „Bollen“ allen möglichen Futters verabreichen, sondern auch mit der Pinzette bis fast in den Magen eintauchen kann, ohne sie zu verletzen. Passt ihnen etwas nicht – wie etwa ein ungeschälter Sonnenblumen- oder ein Kirschkern, wird er auch von einer jungen Meise vehement ausgeschleudert, oft so heftig, dass einem der Auswurf bisweilen an der Brille klebt.

In der freien Natur gehören Meisen zu den Arten, die „vorsichtshalber“ oft sehr viele Eier legen – nicht selten mehr als zehn, etwa im Gegensatz zu Grasmücken u.a., deren Gelege nur drei bis fünf Eier enthalten. Sinn der vielen Eier: Kommt eine warme insektenreiche Aufzuchtperiode, können viele Jungvögel flügge werden – früher vor allem Vorsorge im Hinblick auf die hohe Sterblichkeit in strengen Wintern (während Grasmücken durch Wegzug in warme Gefilde mit weniger Nachkommen auskommen).

War die Brutperiode hingegen kühl und insektenarm, fiel ein Teil der Nestjungen als sogenannte Nesthäkchen kontinuierlich zurück, starb schließlich ab, und nur ein Teil der Jungen (manchmal ganz wenige oder auch gar keine) wurde flügge. Nesthäkchen sterben nicht rasch, sondern allmählich, und oft zieht sich ihr Absterben über etliche Tage hin. Dabei werden sie blutarm-bleich, kühlen aus, werden träge, und vor allem auch ihre Verdauung erlischt allmählich. Versucht man derartig geschwächte Nestlinge von Hand durchzupäppeln, gelingt das ab einem bestimmten Stadium selbst mit bestem Futter im Wärmeschrank nicht mehr – die Hungerschäden sind irreversibel.

In der Natur versuchen Vogeleltern, bei ausreichendem Nahrungsangebot auch absterbende Nesthäkchen etwas in den Rachen zu stopfen, solange sie noch den Schnabel aufsperren, was sie selbst bis kurz vor dem Tod reflexartig häufig tun. Im Endstadium können solche halbtoten Jungvögel aber oft nichts mehr schlucken – kein Korn, kein Räupchen, keine Fliege. Deshalb findet man manchmal tote Nesthäkchen buchstäblich mit dem „letzten Bissen“ im Halse – aber sie sind nicht daran gestorben.

Also: Gesunde Jungvögel können nicht mit „falschem“ Futter von der Futterstelle umgebracht werden – wohl hingegen z.B. durch mit Gift besprühten Blattläusen an Rosen usw. Werden gesunde Jungvögel von ihren Eltern zwischendurch mit Futter von der Futterstelle versorgt, das ihnen nicht behagt, schleudern sie es alsbald wieder aus. Oft aber hilft ihnen derartiges Futter in unserer an Insekten immer ärmer werdenden Zeit, Engpässe in der Nahrungsbeschaffung durch ihre Eltern zu überleben.

Dieser Text ist ein unverändertes Original-Zitat aus dem Buch „Vögel füttern, aber richtig!“ von Prof. Dr. Peter Berthold – 5. Auflage (2021), Seite 90/91.
Mit freundlicher Unterstützung und persönlicher Genehmigung von Prof. Dr. Peter Berthold (Anfrage vom 12. April 2024)

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