Nicht jeder tagaktive Igel benötigt Hilfe!

Immer wieder hört man, dass tagaktive Igel gesichert und zu einem Tierarzt oder in eine Igelstation gebracht werden müssen. Dass nicht jeder tagaktive Igel auch Hilfe benötigt und diese gute Absicht manchmal sogar zum unbeabsichtigten Tod vieler Igelbabys führen kann, wissen unerfahrene Igelfinder oft nicht.

Welche Igel benötigen Hilfe?

Ob ein Igel wirklich Hilfe benötigt ist pauschal gar nicht so leicht zu beantworten. Es sind immer eine Reihe von Faktoren entscheidend ob das Wildtier aus seiner natürlichen Umgebung gerissen werden sollte oder nicht. Viele Igelstationen empfehlen vorher anzurufen, um herauszufinden ob wirklich eine Notwendigkeit besteht.

Ob dein Igel wirklich Hilfe benötigt, kannst in unserem Online-Fragebogen „Igelhilfe“ herausfinden. Nach der Beantwortung einiger Fragen über den Zustand des Igels, bekommst du genau erklärt, was zutun ist.

Gesunde Igel: gute Gründe für Tagaktivität

Es gibt mehrere Gründe, warum gesunde Igel tagsüber aktiv sein können.
So kann es sein, dass der Igel durch Gartenarbeit oder durch andere Tiere in seinem Nest gestört wurde oder das Igelnest tagsüber für den Igel zu warm geworden ist. In diesen Fällen kann man den Igel tagsüber auf der Suche nach einem neuen Schlafplatz sehen. Der Igel benötigt in diesem Fall keine Hilfe.

Häufig kommt es auch vor, dass Igelmütter kurz vor dem Gebären ihrer Igelbabys tagsüber noch Nistmaterial zusammensuchen, um das Nest für die bevorstehende Geburt vorzubereiten (1, 2, 3). Auch hier benötigt der Igel keine Hilfe.

Gesunde Igel bleiben nicht immer von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang in ihrem Nest, sondern verlassen es gelegentlich, z.B. für einen ausgedehnten Toilettengang. Igel markieren zwar ihr Nest gern mit einem Häufchen, der regelmäßige Stuhlgang findet aber auch mal tagsüber außerhalb des Nests statt.

Sogar während des Winterschlafs können Igel tagsüber ihr Nest für kurze Zeit verlassen. Dies dient zur kurzzeitigen Reaktivierung einiger Stoffwechselprozesse und Organfunktionen, damit es bei zu langer Inaktivität nicht zu einem Organversagen kommt (10). Wir haben im Winter 2022 einen freilebenden jungen Igel während seines ersten Winterschlafs 24/7 mit Überwachungskameras beobachtet und die selben Beobachtungen gemacht.

Futtersuche am Tag

Ein weiterer Grund für Tagaktivität kann Hunger sein. Ein hungriger, meist bereits abgemagerter Igel, nutzt dann nicht nur die Nacht um nach Insekten zu suchen, sondern auch den Tag. Am besten hilft man solch einem Igel in seinem natürlichen Lebensraum. Hier ist es aber entscheidend zu welcher Jahreszeit der Igel gefunden wurde und wie viel wer wiegt. So lässt sich erstmal fast jeder, wegen Hunger tagaktive Igel von März bis September mit einer auch am Tag betriebenen Futterstelle im Garten wieder aufpäppeln. Im Oktober sollten Igel bereits mind. 400 g wiegen um den kommenden Winter gefahrlos zu überstehen. Im November sollten 500-600 g erreicht sein (4). Der Hunger ist ein Selbsterhaltungstrieb, einer der Urinstinkte eines jeden Lebewesens – wenn der Igel weiß, wo es gutes Futter gibt, wird er immer wieder dort hin zurückkommen. Unter den genannten Bedingungen ist also eine Sicherung mit Zwangsernährung nicht sinnvoll.

Ausführliche Informationen zur Fütterung hilfebedürftiger Igeln findest du hier:

Genauer hinschauen

Tagaktivität kann ein Hinweis sein, dass der Igel Hilfe benötigt. Es kommt aber immer auf den tatsächlichen Zustand des Igels an, ob er tatsächlich Hilfe benötigt. Findet man einen Igel, der am Tag unterwegs ist, sollte man also genauer hinschauen. Gibt es Verletzungen, hat der Igel Krankheitssymptome, handelt es sich um einen Säugling (jünger als 3 1/2 Wochen) oder um ein Igelbaby (jünger als 6 Wochen) ohne Mutter, oder ist der Igel für die Jahreszeit zu leicht, sollte man schnell handeln und den Igel sichern. In diesen Fällen ist immer Hilfe erforderlich.

Achtung: Igeljunge verlassen bereits nach 3 1/2 Wochen allein ihr Nest für erste Erkundungstouren. Nur in Ausnahmefällen sind diese Tiere auf Hilfe angewiesen (5).

Vorschnelles Einsammeln gefährdet Igelbabys

Weibliche Igel gebären ihre Jungen in Deutschland von Juni bis einschließlich September (6). In der Zeit nach der Geburt benötigen Igelsäuglinge mehrmals täglich Muttermilch. Sie können sechs Stunden ohne Nahrung sein (7) – danach steigt die Gefahr, dass die Säuglinge sterben. Wenn ein Igel (Weibchen) also längere Zeit gesichert werden muss, sollte immer bedacht werden, dass eventuell ein Wurf aus bis zu 10 Igelsäuglingen im Nest auf überlebensnotwendige Muttermilch wartet (6). Vorschnelles und unüberlegtes Sichern sollte also unbedingt vermieden werden.

Viele gesunde Igel landen im Tierheim

Wahrscheinlich alle Menschen haben gute Absichten wenn sie Igel ins Tierheim oder zur Pflegestation bringen. Leider landen aber sehr viele Igel unnötigerweise im Tierheim (11):

„Generell lande ein Drittel völlig unnötig in Hamburgs größtem Tierheim.“

Hamburger Tierschutzverein von 1841 e. V. (8)

Leider führt das auch dazu, dass Tierheime und Auffangstationen Aufnahme-Stopps verhängen und keine Tiere mehr aufnehmen.

„Deswegen haben wir jetzt erst mal einen Aufnahme-Stopp verhängt. Wir nehmen Igel nur noch im absoluten Notfall auf.“

Tierheim München (9)

Es dürfte uns also allen am Herzen liegen, nur wirklich hilfebedürftige Igel zusichern und in die Tierheime und Igelpflegestationen zu bringen.

Fazit

Nicht jeder Igel, der am Tag umherstreift benötigt unsere Hilfe. Es ist immer wichtig den tatsächlichen Zustand des Igels zu bewerten um sicherzugehen. Eine vorschnelle oder unüberlegte Entnahme eines Igels aus seiner natürlichen Umgebung gefährdet schnell bis zu 10 Igelsäuglinge in ihrem Nest.

Um besser einschätzen zu können, ob ein Igel tatsächlich Hilfe benötigt, kannst du den Igel kurzfristig mit einem Eimer am weglaufen hindern und unseren Online-Fragebogen „Igelhilfe“ benutzen.

Quellen:
1 – Allgemeines zu Nestbau und Geburt (Igelzentrum Zürich)
2 – Igel sammelt tagsüber Nestmaterial (YouTube Kanal: Igelzentrum)
3 – Igelin schleppt einen Zweig zum Nest (YouTube Kanal: Igelzentrum)
4 – Hilfsbedürftige Jungigel im Herbst (Pro-Igel)
5 – Wie alt ist das gefundene Igelbaby? (Igelzentrum Zürich)
6 – Fortpflanzung (Pro-Igel)
7 – Aufzucht von Igeljungen (Komitee für Igelschutz e.V.)
8 – So viele wie noch nie: Igelflut im Tierheim (Morgenpost)
9 – Igel-Flut! Tierheim München schlägt Alarm! (Radio Arabella)
10 – Winterschlaf – (Über)leben auf Sparflamme (Maja Langsdorff)
11 – Junge Igel landen zu schnell im Tierheim (n-tv)
12 – Helfen oder nicht? Was Sie tun sollten, wenn der Igel im Garten steht (Neue Westfälische)